Do They Know It’s Scheiße?

Eine kleine Weihnachtsgeschichte:

Die Ravensburger Bevölkerung hatte bereits kurz nach Öffnung des diesjährigen Weihnachtsmarkts bemängelt, dass es nur mehr Sauf- und Fressbuden auf dem Markt gäbe. Das kann nicht stimmen, denn ich verkaufe hier keinen Glühwein (leider). Die Frau rechts von mir raucht zwar mehr als sie verkauft (schwarzer Krauser), bietet zum Ausgleich allerdings intensiv duftende Räucherstäbchen aus Indien und billig importierte Schals aus China an. Es gibt eine Filzerin, deren Auslage voller Stulpen und Stirnbänder ist. Sich selbst hat sie bereits von Kopf bis Fuß eingefilzt, deshalb braucht sie auch keine Heizung im Stand. Links von mir kann man auch keinen Glühwein kaufen. Hier gibt es aus Bienenwachs gezogene „Ohne Dich Alles Doof„-Schafe, aus deren Kopf ein komischer Docht-Zipfel wächst. Immerhin braucht man Zuhause ihren dümmlichen Blick nicht lange zu ertragen, weil man ihnen ja, sobald man sie einmal angezündet hat, direkt den Schafskopf abbrennt.

Natürlich gibt es auch die Futtertröge. Ein Crepes-Stand, eine Käsealm, unzählige Frittenbuden, Gulaschsuppe und Feuerwurst. Alle reichen sie Glühwein. Gegenüber von meinem Stand steht eine mächtige Kässpätzlebude. Auf der Tafel werden zehn Gerichte angeboten, von denen es aber nur sechs gibt. Alle Gerichte die gemacht werden, sind mit einem roten Punkt markiert. Ich sehe die Tafel acht Stunden täglich, habe dieses ausgeklügelte System aber erst nach einigen Tagen verstanden. Entsprechend beschäftigt sind die Spätzledamen, weil sie jedem erklären müssen, dass es Bärlauch-Spätzle nur im Frühling gibt.

Auf einem schwäbischen Weihnachtsmarkt herrscht natürlich ein Lagerleiter, der für den reibungslosen Ablauf verantwortlich ist. An jedem Stand hängen Lautsprecher, die 9 Stunden täglich laute Weihnachtsmusik dudeln, sie unterstehen dem Lagerleiter ganz direkt. Nach einigen Beschwerden gibt der Lagerleiter folgende Losung durch: Klappe halten und ertragen. Musikwünsche nimmt er nicht an, es gibt nur die ausgewählten 60 Minuten in Endlosschleife. Außerdem merkt er an, dass es sich nicht um eine Weihnachts-CD, sondern um eine Weihnachts-MP3 handelt. Ab und an knackt es scharf in den Lautsprechern, dann ist Stromausfall. Der bringt ein paar Minuten Ruhe und alle – außer die Spätzledamen – können kurz durchatmen.

Zwischendurch wird verkauft, verkauft, verkauft. Lächeln, labern, Spielsachen aufstellen, Kopfrechnen, schlimme Kunden ertragen, Vogelmamas wegscheuchen, einen Glühwein zur Beruhigung trinken. Irgendwann schlägt es 18:00 Uhr. Die jeweiligen Acts des Tages nehmen auf der Bühne Aufstellung. Von der Theresia Gerhardinger Realschule, dem Welfengymnaisum, der Förderschule St. Christina und vielen anderen Grund- und Mittelstüflern muss jeweils ein 60-Minuten Programm aufgeführt werden. Alle singen dasselbe. „Feliz Navidad“, mal mehr mal weniger enthusiastisch. An Vicky Leandros Version kommt allerdings kein Schülerchor ran.

Abends stößt die Käsespätzleschlange fast an meine Auslage. Der Glühwein schwappt über, die After-Work-Säufer bestellen schnell noch zwei. Mehrere Glühwein sind heikel, Vorsicht ist geboten. Das weiß man spätestens seitdem Volksmusik- und Fischer-Freund Florian Silbereisen wegen zuviel Schußgenuß an einem Glühweinstand randalierte. Ja, schon ein Glühwein zuviel kann ein böses Ende nehmen!

„So ein Weihnachtsmarkt isch halt was schönes“ raunen sich die Omis, unbeeindruckt von den Glühweintrinkern, täglich kurz vor dem Zapfenstreich zu. Feliz Navidad Prospero año y Felicidad und so.

Don’t They Know It’s Scheiße? They don’t. I do!

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One Comment

  1. Milathecat

    Das Lucky Luke Comic hast du doch schon vor ner Woche gelesen?

    Man merkt du liebst die Weihnachtszeit! Sie war schon immer sehr besinnlich in eurer Familie :)!

    Antworten

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