Ohne Kopfhörer – ohne mich!

Genau wie die Allgemeinheit habe auch ich während der Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln nur ganz wenig Lust auf Interaktion. Deshalb höre ich in den Öffis immer Musik. Nur dann nicht, wenn ich wieder mal meine Kopfhörer vergessen habe.

Und weil ich jetzt „Hörenden Ohres“ bin, gebe ich der Motzverkäuferin in der U1 meine letzten zwei Euro, weil sie nicht nur das Stammsprüchlein der Obdachlosigkeit referiert sondern jeden Artikel kurz anteasern kann – (bestimmt hat auch sie mal Geschichte auf Magister mit Mediavistik im Nebenfach studiert oder Kommunikationswissenschaften). Ich fühle mich solange gut bis ich merkte, das ich jetzt kein Geld mehr für die Rückfahrt habe und Abheben wegen der geringen Auslastung an Volksbankautomaten mindestens 4,95€ kostet.

Im Bus sprechen die zwei Typen hinter mir zunächst über die Razzia von gestern Abend wobei Bullenfotzen und Digga am häufigsten erwähnt werden (hey, ich wusste gar nicht, dass man in Berlin jetzt auch schon Digga sagt). Dann darf ich daran teilhaben wie beide simultan eine Schleimansammlung aus den Scharten ihres Rachens in die Mundhöhle befördern. Es schnarzt, sprötzt und röchelt – nun herrscht kurz Ruhe weil beide den Schleim zu einem kleinen Ball formen müssen. Dass das Ergebnis am Ende auf meine Rückenlehne gespuckt wird war zu erwarten. Dass es wieder simultan klappt wäre fast einen kleinen Applaus wert.

Im Zug geht die Dame neben mir ans Handy. Sie trägt eine langweilige Frisur zu Klamotten, die bieder sind und teuer waren, dazu dezentes Make Up. Ich glaube sie ist Lehrerin, Managerin, Hausfrau oder Gerichtsvollzieherin (weil sie so streng im Bahnmagazin blättern kann). Bei ihr zuhause sind die Home & Living Magazine nach Erscheinungsmonat geordnet, im Bad steht eine nicht verstaubte (!) Schale Trockenblumen und alle müssen schon vor der Tür die Schuhe ausziehen, damit die tollen weißen Fliesen im Eingangsbereich nicht dreckig werden. Dann führt sie folgendes Gespräch mit stark rheinischem Akzent und nichts ist mehr wie es war.
WAAAAASSSS?
(Stille)
WAAAAASSSS? SACH DAT NOCHMAL!
(5 Prozentpunkte Hysterie weniger)
Kriegt die auch noch wat anderet fertisch als in die Schule zu gehen und einzukaufen?
Annamaria! Isch hab gesacht die kriecht nix mehr.
Ne! NEEEEEEE!
Isch habs Robert jesacht aber er war die janze Zeit am Computer und hat die Peilung nich!
(Stille)
ER HAT DIE PEILUNG NICHT!
Maaaaaaan! Was hat die?
OH NE! DIE IS IM KAUFRAUSCH UND WIR SIND DIE BEZAHLMÄNNER DER NATION ODER WIE?
(um Zustimmung heischender Blick zu mir!)
DIE SETZ ICH AUF EN POTT!
(Kreischt)
DIE SETZ ICH SOWAS VON AUF EN POTT!
Als wir in das dritte der vielen Funklöcher fahren wird die vermeintliche Gerichtsvollzieherin dann richtig wütend, weil ihr Gesprächspartner „dauernd auflegt“. Sie unternimmt mehrere Versuche das Gespräch fortzuführen und schreit immer wieder vorwurfsvoll ins vom Netz getrennte Telefon: „Hallo? Kannst du mal rangehen?“
Kurz ist wieder Empfang. Am Ende der Leitung will man nach den Vorwurfstiraden wohl die Verhältnisse klären. Aber nicht mit ihr. Oh Nein! Ihr letzter Ausspruch vor dem endgültigen Funk-Aus lautet: „ICH? Ich kann ja wohl nichts machen, schließlich sitze ich im Zug! Soll ich rausspringen, oder was?“
Dieser Satz klingt in mir noch lange nach….

Ohne Kopfhörer, ohne mich – word!

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