Von Köln bis Hamburg mit WDR 4

Ich habe eine Busfahrkarte gekauft, die mich von Köln nach Hamburg bringen soll. Die war ziemlich billig. Also unter 10,- Euro billig, unter Mindestlohn billig, sozusagen eine Primark-Busfahrt. Warum ich damals die Abfahrt um 08:30 Uhr morgens genommen habe, anstatt fünf Euro mehr für ein Ticket gegen 12:00 auszugeben ist mir im Nachhinein schleierhaft. Frühes Aufstehen vertrage ich gar nicht so gut und bringen tut es auch nichts, weil ich zwar früher in Hamburg ankommen, dort aber auch früher ins Bett fallen werde. Und ich hab ein schlechtes Gewissen wegen des Billiglohns und weil ich wahrscheinlich Ausbeuterei betreibe.

Zunächst stolpere ich in den Bus, in die vordersten Sitzreihe. Und ich stelle fest: Ganz vorne sieht man nicht nur gut, man hört auch das Radioprogramm. Schalalala-lager. WDR 4. Nun gut, zum Ausblick auf die Autobahn wirkt das ähnlich wie Hypnose und das Handy kann ich nicht als „Walkman“ nutzen weil es leer ist und aufladen nicht geht (meine Steckdose ist nicht vorhanden und die beim Hintermann kaputt). Hey, ich kenn die Nummern. Howard Carpendale. „Fremde oder Freunde, wie wird alles sein? Wieder unzertrennlisch oder ganz allein?“ Schnüff. Jetzt muss ich an Oma und Opa denken, obwohl die gar keine Carpendale Platten gehört haben.

Wahrscheinlich liegt es daran, das auf meiner Höhe ein Wagen mit Klopapier-Rolle – genauer: mit einer Klopapier-Rolle in Häkelüberzug auf dem Rücksitz fährt. Die kenn ich aus dem Auto meiner Großeltern. Die Klorolle durfte allerdings nie benutzt werden, auch nicht zum Naseputzen. Die war Zierde. Es ist davon auszugehen, dass seit 1975 ein und dieselbe Rolle in dem Auto stand.
In der Mitte steckte eine Barbie mit passendem Häkelhut, das aufgewickelte Klopapier samt Häkelüberzug fungierte als Rock. Einmal hab ich die Puppe heimlich von der Rückbank genommen, dabei kam dann raus, dass die Barbie anstelle von Beinen nur eine Klorolle hatte. Ja, das war ein Schock. Amputierte Barbies auf Oma und Opas Rückbank? Aaaaahhhhrgs. Dagegen waren ihre Zähne im Wasserglas ein Witz, in die durfte ich nämlich manchmal den Corega-Tab reinschmeißen. Wenn ich die britzelnden Zähne beobachtete konnte ich es kaum erwarten auch endlich ein Gebiss zu kriegen. 1985 hatten wir einen schwarz-weiß Fernseher der meistens ausgeschaltet war – damals war ich von britzelnden Zähne und einem in Plastik verpackten Tab schwer beeindruckt.

Jetzt Bangels, Manic Monday, (das wäre Oma und Opa ein bisschen zu fetzig gewesen) und die Spider Murphy Gang. Kurz vor Dortmund dann: Münchner Freiheit!
Die finde ich heimlich gut, die Power-Balladen von Münchner Freiheit, wegen der Tragik. Besonders gern mag ich „Solang man Träume noch leben kann“. Die haben im Video ein Riesenorchester mit Harfen und Geigen und allem PiPaPo und die Jungs tragen so schöne weißen Anzüge. Mir reichen die ersten Takte: „Ein Jahr ist schnell vorüber, wenn der Regen fällt, ein Meer voller Fragen“. Hier regnet es auch, keine Fragen dafür ein Meer voller Feinstaub und aufgeweichte McDonals-Tüten am Straßenrand.
Wir verlassen Hannover zu „Alles nur geklaut“ von den Prinzen. Es folgt Johnny Cash, aber ausgerechnet jetzt dreht der Fahrer am Regler. Warum? Hey, wir haben alles ganz brav ertragen und Johnny Cash ist doch echt gut!
Bei Ausfahrt Lübberstedt kommt, womit ich schon nicht mehr gerechnet habe. „Ibilookiforfridom“ – David Haselnuss! Mit Sonnenbrille, Mickey Mouse-Shirt und einem Tennisschläger als Gitarrenersatz hab ich das durchs Kinderzimmer gegrölt. Ach, David, schön war das damals mit uns beiden. Und eigentlich war die günstige Fahrt jetzt doch ganz erträglich – besser die Mutter stellt schon mal den Bad Oldesloer kalt.

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