Lotto King Karl

Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage muss gewinnbringend und mit Weitblick in die Zukunft investiert werden. Wer denkt da nicht zuerst an die faszinierenden Möglichkeiten, die einem die wunderbare Welt des Glücksspiels bietet?

Man muss sich dafür gar nicht in zwielichtigen Casinos mit zugeklebten Scheiben wagen oder in diese, abgesehen vom mehreren Flatscreen-schirmen immer nur spärlich möblierten Clubräume in denen um Sport gewettet werden muss. Nein. Nein. Ich spreche vom seriösesten aller deutschen Glücksspiele. Lotto. Lotto geht immer, besonders gut geht Lotto wenn die Lage brenzlig ist. So wie jetzt, beziehungsweise seit Langem, seit dem kaltem Krieg, seit der Maueröffnung, seit dem Ende von Madonna, seit der Einführung von Bubble Tea – sucht’s euch aus.

Mit sieben war mein persönlicher Höhepunkt der Tagesschau der Moment in dem Dagmar Berghoff, umhüllt von einer dezenten Seidenbluse, das kurze blonde Haar modisch in Form geföhnt, mit weicher Stimme die Lottozahlen verlas. Ich sollte dazu sagen, dass ich in den 80ern nicht besonders häufig fernsehen durfte und möglicherweise auch deshalb von der Bekanntgabe der Lottozahlen schwer beeindruckt war.

Selbst gespielt habe ich allerdings nie, aus Angst, die mir eine pädagogisch wertvolle Geschichte meiner Oma eingepflanzt hat. Die Geschichte handelt von einem kleinen Mädchen, das den vom Vater ausgefüllten Lottozettel lieber wegschmeisst um die fünf Lotto-Mark in diverse Süßigkeiten zu investieren. Ohne es zu wissen ruinierte das Mädchen damit die Familie. Der Vater hatte nämlich sechs Richtige angekreuzt. Mit Zusatzzahl! Tja.

Heute gehe ich davon aus, dass meine katholische Oma damals versucht hat, mir das achte Gebot kindgerecht zu erklären. „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ lebensnah verpackt sozusagen. Leider bekam ich die Kernaussage der Geschichte in den falschen Hals. Mir war völlig egal aus welchen Gründen der Tippschein nicht abgegeben wurde. Ich hatte furchtbares Mitleid mit dem Vater. Da hatte dieser arme Mann tatsächlich sechs Richtige und gewinnt nichts! Seither habe ich Angst vor dem Verlust von so viel Geld und daher niemals versucht Lotto zu spielen. Angenommen ich spiele, der Schein fällt mir aus der Tasche und die Millionen liegen auf der Straße, oder der Kanarienvogel trägt den Schein weg ooooder der Hund frisst ihn auf! Kann doch alles sein! Im schlimmsten Fall sehe ich mich vor dem Fernseher sitzen, den Zettel mit den sechs Richtigen in der Hand und dann, im orgiastischen Taumel, sehe ich mich alle Möbel aus dem Fenster schmeißen. Und am nächsten Tag in der Lottoannahmestelle kommt raus, Dagmar Berghoff hat sich vertan und falsch vom Teleprompter abgelesen. Ich bin doch kein Millionär weil die „Angaben sind wie immer ohne Gewähr“. So was ruiniert einem doch die Familie – selbst wenn man gar keine hat. Also lieber nicht spielen – auch nicht, wenn die Lage brenzlig ist.

Auch meine gute Freundin Rebecca riskiert lieber nichts, weil sie schlau ist und weiß, dass ihre einzige Chance ans große Geld zu kommen ein Lottogewinn ihrer Oma ist. Gut, noch spielt die Oma nicht, aber die Hoffnung, die darf bleiben.

 

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