Herzogs Hühnerhass

Werner Herzog mag keine Hühner. Werner Herzog glaubt Hühner sind dumm. Er mag nicht wie sie ihn anstarren, mag nicht wie sie aufgeregt herumflattern, wie sie stehen, gehen und picken und wahrscheinlich mag er auch nicht, dass sich die Hühner nicht gegen Angriffe im Hühnerstall wehren können. Dabei ist ein Marder einfach stärker als ein Huhn. Auch physisch. Dafür können die Hühner nix, auch deren Dummheit nicht. Ja, es stimmt, wenn der Marder kommt, sind die Hühner nicht schlau genug um aus ihren Ställen zu flüchten. Sie drängen sich lieber alle zusammen in eine Ecke des Stalls, kreischen hysterisch, schlagen mit den Flügeln und versuchen sich mit einer Wolke aus Federn darüber hinwegzutäuschen, dass der Marder gerade eins nach dem anderen von ihnen zerfleischt.

Ich mag Werner Herzog, muss seiner These allerdings widersprechen. Kann man selbige Dummheit wirklich nur den Hühnern anlasten? Als ich einmal nachts nach Hause kam und feststellte, dass ich die Tür zum Hintereingang sperrangelweit offen gelassen hatte (meine Eltern und die Schwester waren im Urlaub), schloss ich zunächst alle verfügbaren Türen ab. Rief dann mit dünnem Stimmchen „Hallo“, rannte, ohne vorher auf Toilette zu gehen in mein Zimmer und schloss mich ein. Sollte der Mörder sich nicht bereits in meinem Zimmer befinden, würde er sicher bis zum nächsten Morgen verhungert sein. Oder so. Damit will ich sagen, dass ich in der Notsituation genauso reagiert habe wie ein Huhn im Marderkäfig. Ich hatte übrigens Glück, es kam keiner darauf sich in unser Haus zu schleichen. (Merke: Weniger Horrorfilme und weniger Brisant gucken.)

Werner Herzog hat Beweise für die Dummheit des Huhns. Erstens solle man, so rät er, versuchen ein Huhn anzustarren. Extrem lange. Die Dummheit, die einem aus dem Auge eines Huhns entgegenschlage, sei dermaßen entkräftend, man könne gar nicht anders als die Hühner zu hassen bzw. für extrem dumm zu halten. Zweitens ließen sich Hühner furchtbar leicht hypnotisieren. Herzog habe dies selbst des Öfteren ausprobiert und für seine Filmarbeiten genutzt. Wer sich so leicht hypnotisieren lässt könne nur blöd sein. Denn geistige Gegenwehr ist ein untrügliches Zeichen von Intelligenz. Auch wenn ich zugebe, dass es etwas verstörend ist zu sehen, wie schnell ein Huhn in Hypnose versetzt werden kann (Youtube-Beweis No.1: einfach hinlegen, einmal ordentlich in die Augen schauen und gut) glaube ich nicht, dass dies zwingend ein Zeichen für Dummheit sein muss. Werner Herzog in allen Ehren.

Ich glaube, das was einem da aus den kleinen Hühneraugen entgegenstrahlt ist pures Glück. Das Glück nicht nachdenken zu müssen. Würde mich das glücklich machen, wenn ich nicht ständig Zukunfts-, Gegenwarts- und Vergangenheitsbewältigung in meinen Gehirnwindungen leisten müsste? Bestimmt. Und wenn der Marder kommt, einfach schnell an die Freunde rankuscheln. Das macht einen auch glücklich. Ganz sicher sogar (Youtube-Beweis No.2: Wie ein kleiner Junge ein Huhn umarmt!).

Mit Leere und Glück ist das ja ohnehin so eine Sache. Herkömmliche Glücklichmacher wie Katzenvideos im Internet, Schokolade, Fast Food, ein Paket von QVZ, Markus Lanz gucken und dazu hämische Kommentare twittern, Urlaub buchen, Schuhe kaufen, Bier, Feierabend. Im Gegensatz dazu wirkt die glückliche Hühnerleere vielleicht trist aber auch erstrebenswert. Glück ist ohnehin relativ. Was für den einen den Tag versüßt, kann dem anderen ein schweres Trauma zufügen. Ein kleiner Junge umarmt also glücklich ein Hühnchen (siehe Youtube-Beweis No.2) während ein anderer Junge nach einer Huhnumarmung möglicherweise sein ganzes Leben lang keine Eier mehr essen kann und nachts schweißgebadet aufwacht, weil er wieder einmal davon geträumt hat mit mehreren Hühnern in einem Flugzeug eingesperrt nach Mallorca fliegen zu müssen. Der eine ist inmitten von Hühnerleere glücklich, den anderen packt das Herzogsche Grausen.

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Auf Eierpackungen sind die glücklichen Hühner immer diejenigen, die Freigang aus Legebatterien bekommen. In Wirklichkeit haben Hühner keinen Freigang. Sie stehen zerrupft zwischen den Kollegen und pressen sich, wenn es gar nicht mehr geht, die Eier mitsamt ihren Därmen aus dem Hintern um der vorgeblich glücklichen Hühnermast schnell selbst ein Ende bereiten zu können. In der Legehennen-Batterie zählt auch die Möglichkeit des Selbstmords zur Kategorie Glück.

Meine Eltern, meine Schwester und ich waren auch lange der Auffassung nur Eier von besonders glücklichen Hühnern zu essen. Die Hühner lebten bei unserer Nachbarin, fraßen glücklich Körner und unseren Kompost, legten Eier wie die Weltmeister und hatten es nicht nötig sich die eigenen Gedärme aus dem Hintern zu ziehen. Wie glücklich die Hühner wirklich waren fanden wir erst heraus als die alte Nachbarin zufällig dabei erwischt wurde wie sie ihr Tablettenarsenal unter die Körner mischte. Es seien zu viele Tabletten für sie alleine, war ihre Erklärung. Und schlecht wollte sie die teuren Medikamente nun auch nicht werden lassen. Also hatten wir all die Jahre verseuchte Eier aus glücklichen Hühnern verputzt. Ob es uns geschadet hat? Nein. Während des Genusses der frischen Frühstückseier waren wir fast immer glücklich und das ist ja die Hauptsache. Vielleicht waren neben Herzmittelchen sogar Antidepressiva in der Futtermischung.

Der Blick ins Hühnerauge ist also ein Blick in die endlosen Weiten des Glücks. Auch Leere kann voller Glück sein, es passt  schließlich überall rein.

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