B(re)ad Romance

Der Verzicht auf Gluten ist eine Modeerscheinung. Eine unsinnige, hirnrissige Idee auf die nur verzickte Gesundheitsfanatiker kommen können, denen Bio mittlerweile nicht mehr gut genug ist. Hey, holt die Fanfaren raus! Ich bin endlich bei den supercoolen Kids angelangt, denn ich habe eine waschechte Lifestyle-Erkrankung! Zugegeben, ich war schon immer ein Sensibelchen. Heuschnupfen, Asthma, Schuppenflechte – das A für Allergien brauche ich nicht mehr zu kaufen. Meine aktuelle krankheitsbedingte Problembewältigungsstrategie sieht Gluten-Verzicht vor. Die Strategie gilt allerdings nicht als Lösung sondern vielmehr als Problem. Beziehungsweise zählt sie zum gegönnten Luxus. So zumindest sieht man das im Lifestyle-Ressort.

Gluten-Free ist ähnlich unsexy wie Cortado mit Sojamilch. Ein glutenfreier Esser geht allen auf die Nerven, vor allem deshalb, weil er gar nicht krank ist. Das findet nicht nur das klickhungrige Yahoo-Portal. Die Zeit entlarvt die Legende vom bösen Gluten und die Krautreporter konstatieren: „Kein Brot ist auch keine Lösung“. Hier erklärt Autorin Theresa Bäuerlein den Anti-Gluten-Hype: Weil nur ganz wenige Menschen mit der echten Weizenunverträglichkeit Zöliakie diagnostiziert werden, der Markt aber rasant steigt, muss es wahnsinnig viele Trittbrettfahrer geben, die einem jetzt ohne ersichtlichen Grund den Weizen madig machen wollen.

Es ist ja auch ein Kreuz mit dieser Unverträglichkeit. Aber bei all der Verharmlosung von Noch-Weizen-Essern: Leute, irgendwas stimmt mit dem Weizen nicht. Jahrelang hatte ich Produkte aus Weizen gegessen und gut vertragen. Plötzlich geht nach einem stinknormalen Brötchen gar nichts mehr. Man erklärte mir, mit dem Blut und den Schmerzen müsse ich künftig leben, die seien ganz normal und verschrieb mir Medikamente die nicht wirkten. Nichts half, bis ich auf glutenfreie (und wie Theresa Bäuerlein vom Krautreporter richtig erkannt hat, äußerst pappig, labbrig und vergleichsweise unappetittliche) Brötchen umstellte.

Trotz des eingeschränkten Geschmacks: der glutenfreie Markt boomt und die große Nachfrage scheint selbst den Herstellern unheimlich zu sein. Die Firma Schär, die seit vielen Jahren glutenfreie Lebensmittel verkaufen, gestand dem Spiegel den antikapitalistischen Wunsch, die Kundschaft möge sich wieder etwas dezimieren. Früher betraf der glutenfreie Markt vornehmlich Menschen mit Zöliakie (einer nicht heilbaren chronischen Darmschleimhauterkrankung). Doch ich lerne  immer mehr Menschen mit „meinen“ Symptomen kennen. Leute mit starken Beschwerden ohne echte Diagnose. Verloren zwischen Reizdarm, Colitis Ulcerosa, Weizenunverträglichkeit (abgestuft in leicht, mittel-leicht, mittel-mittel, schwer) oder noch schlimmer: Morbus Chron. Wobei mir der Unterschied zwischen diesen Krankheiten auch nach langwierigen Gesprächen in etlichen Behandlungszimmern nicht ganz klar geworden ist.

Theresa Bäuerlein hat einen ganz tollen Tipp, für alle die nicht erwiesenermassen an Zöliakie leiden. Man solle es doch einfach mit normalem Brot versuchen. Die Wahrheit, liebe Theresa, ist folgende: Ich träume von Brot. Von frischem Bauernbot mit knusprig, salziger Kruste und saftigem Kern. Von Schrippen und von Weggle und von Kaiserbrötchen. Ich könnte eine ganze Bäckerei leer fressen. Ich will mich in die Auslage legen. Mich in frischen Croissants und schlotzigen Milchbrötchen wälzen. Mittlerweile würde ich sogar die mir früher so verhassten zuckerbegussten Schweineohren essen.

Mir ist egal ob jemand Fleisch isst oder Vegan lebt oder aus welchen Gründen jemand auf glutenhaltige Lebensmittel verzichtet. Mir ist nicht egal, dass die Entzündungswerte in meinem Körper zu hoch sind und dass es möglicherweise an einer von Menschen gemachten Veränderung des Weizens liegt. Ob es nun das Gluten oder ein anderer Bestandteil im Getreide ist, der meinen Körper zu verrückten Reaktionen zwingt, spielt für mich eigentlich keine Rolle.

Sicher ist: Ich will wieder zurück zum Normalzustand. Offensichtlich ist: veränderte Rohstoffe sind schlecht. Und gegen diesen Scheiß hilft keine glutenfreie Insel . Zunächst sollten wir wohl dafür sorgen dass TTIP verhindert wird. Das wäre zumindest mal ein Anfang zurück zu „normalem“ Brot.

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