Willkommen in Deutschland

In Ungarn werden Bahnhöfe geräumt. Dänemark stoppt die Zugverbindungen nach Deutschland. Tausende Menschen erreichen München. Flüchtlingskrise.
Eigentlich wollte ich schon vor zwei Monaten eine Reportage über die Flüchtlingssituation in Deutschland schreiben. Damals stand Griechenland als Synonym für die Krise in Europa und Angela Merkel streichelte unbeholfen über die Haare eines kleinen Mädchens. Sie konnte nicht trösten, weil das Kind ein Flüchtling war und Entscheidungen über das Aufenthaltsrecht von Menschen politisch und nicht emotional gefällt werden. Vor einer endgültigen Aussage muss der Aufenthalt zunächst geprüft werden. Praktisch bedeutet das, dass ein Mensch zunächst zu Papier gemacht werden muss. Dann kann ein Leben über Schreibtische wandern, in Plastikablagen gelegt, gestempelt, beschrieben, bedruckt, geändert werden.

Was sind es für Perspektiven die Menschen haben, die es bis hierher schaffen? Wie lebt jemand, der nicht als Einwanderer, sondern als Flüchtling gilt? Munir aus Afghanistan hat mir seine Geschichte erzählt.

An den Hof des Oberstufenzentrums Handel 1 in Kreuzberg ist ein Fußballplatz angegliedert. Ein schlecht gelaunter Hausmeister patrouilliert um das Gelände. Ein riesiges Plakat hängt am Zaun hinter dem Tor. „Kein Fußball den Faschisten“ steht da. Es ist das Credo der FSV Hansa 07, die normalerweise hier in der Wrangelstraße trainiert. Auf dem Platz sind ca. 40 junge Männer, aufgeteilt in vier Teams und angeleitet von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die Fußballeinheiten des Vereins „Champions ohne Grenzen“ bieten Berliner Flüchtlingen eine wichtige Anlaufstelle, sind Hobby, Netzwerk, Infoveranstaltung und Beschäftigungstherapie. Es gibt extra Trainingseinheiten für Kinder und für Frauen. Mittwoch Nachmittags spielen die jungen Männer.

Die Holzbänke rund um den Platz fungieren als Umkleide. Zwischen Rucksäcken, Plastiktüten, Klamotten und Trinkflaschen kann man den Teams beim Spielen zuschauen. Trainerin Sophie gibt Anweisungen auf Deutsch, dazwischen Rufe auf Arabisch, Afrikanisch, Persisch. Die Kommandos werden verstanden, Fußball ist universaler als Esperanto. Munir schwitzt. Er begrüßt Freunde, zieht die Socken gerade und prüft den Sitz der neon-grünen Fußballschuhe. Zum Training kommt er pünktlich, jede Woche. „Hallo, wie geht’s dir“ fragt er in fehlerfreiem Deutsch. „Darf ich dich in mein Zuhause einladen?“ Munir lernt seit 17 Monaten Deutsch, wenn alles gut geht hat er im Herbst die B2-Bescheinigung. „Dann mache ich meinen Hauptschulabschluss. In Deutschland ist am wichtigsten, dass man einen Schulabschluss hat.“

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Die Aussicht aus Munirs Zimmer

Munirs Flüchtlingsunterkunft ist nur ein paar Schritte vom Trainingsplatz entfernt. Im Eingangsbereich holt er seinen Zimmerschlüssel aus einem schwarzen Briefkasten und meldet seinen Besuch an. Über eine breite, dunkelbraune Holztreppe gehen wir in das oberste Stockwerk. Es riecht nach Essen, vor den Zimmertüren stapeln sich Schuhe.
Seit über zwei Jahren lebt er hier, mit zwei anderen Männern auf 23 Quadratmetern. „Bei meiner Ankunft sagte man mir, ich würde hier drei Monate leben. Dann würde ich eine Wohnung bekommen. Das stimmte nicht. Es ist sehr schwer eine Wohnung zu finden.“ Einer seiner Mitbewohner konnte nach 6 Monaten ausziehen. „1.800 Euro hat er bezahlt, dann hatte er eine Wohnung.“ Deals, die nicht von professionellen Maklern gemacht werden. „Du zahlst Schlepper für die Flucht, dann geht es hier weiter, mit Wohnungsschleppern.“ Munir wird niemanden für eine Wohnung bezahlen, er will nicht und er kann nicht. Die Flucht war teuer genug.

Munir bietet mir Wasser an. In dem engen Raum stehen drei Betten, ein Sofa, Küchenzeile, ein Mini-Tisch und drei Schränke aus Pressspan. Seinen Schrank sichert er mit einem Vorhängeschloss. Es ist schon mal Geld weggekommen, schlimmer aber wäre der Verlust von etwas anderem. Vorsichtig zeigt Munir mir einen Stapel Papier in einer Plastikfolie. Bisherige Aufenthaltsgenehmigungen, die Bescheinigung, dass er Asyl beantragt hat. Die Kopie seines vorläufigen deutschen Passes. „Das sind meine wichtigsten Sachen. Meine Chance.“
Laut vorläufigem Pass ist Munir am 01.01.1988. geboren. Dabei ist das gar nicht sein Geburtsdatum. Das kennt er gar nicht. „Als ich Asyl beantragt habe, konnte ich nicht gut Deutsch. Da hat der Beamte selbst ein Datum eingetragen.“ In der Unterkunft haben viele junge Männer deshalb nun am selben Tag Geburtstag. Seit zwei Jahren wartet Munir nun schon auf die Antwort, ob er in Deutschland bleiben darf. Doch die Asylverfahren sind langwierig. Immer wieder bekommt er eine Aufenthaltsgestattung, die erneuert werden muss. Bürokratisch vorgesehen sind sechs Monate. Weil die Berliner Behörden überfordert sind, genehmigen sie mittlerweile 12 Monate. Munir wagt keine Prognose darüber, ob er bleiben darf – er schließt die Papiere weg.

„Hier im Heim zu leben ist gut, aber auch gefährlich.“ Zu viele Menschen leben auf zu engem Raum. Gemessen an der Situation in Sammelunterkünften und Übergangsheimen sind 23 Quadratmeter für drei Menschen purer Luxus. Gemessen an dem, was ich mir unter Privatsphäre vorstelle, ist dieser Zustand schon für zwei Wochen untragbar. In Kabul hatten Munir und seine Familie ein Haus, jedes Kind ein eigenes Zimmer. Dann kamen die Taliban. „Sie klopften nachts an die Türen und haben alle jungen Männer aus den Häusern geholt. Wir sollten mitkämpfen, ich wollte nicht.“ Munirs Vater wird umgebracht. Er, die Mutter und seine Geschwister müssen umziehen. Jetzt ist Munir für seine Familie verantwortlich. Er muss fliehen, weil die Taliban ihn nicht in Ruhe lassen und er nur so seine Familie unterstützen kann. Das Fußballtraining mit „Champions ohne Grenzen“ und der Deutschkurs sind die festen Bestandteile im neuen Leben. Zuhause in Afghanistan hatte er keine Zeit, um Fußball zu spielen. „Damals musste ich meinem Vater beim Arbeiten helfen.“

Zunächst geht Munir in den Iran, bleibt dort für einige Monate. Schlepper bringen ihn über die Türkei nach Bulgarien, dann von Serbien in den Kosovo und nach Mazedonien. In Bulgarien sitzt er 6 Monate lang im Gefängnis. “In Mazedonien wurde ich von der Polizei in einen Kofferraum gesteckt. Mitten in den Bergen haben sie mich rausgelassen und gesagt, da hinten ist Griechenland. Ich hatte keine Karte, kein Essen und nichts zu trinken. Ich bin zwei Tage gelaufen und dann im Thessaloniki angekommen. Dort wurde ich wieder eingesperrt.“ Für 3.500 Euro bringt ihn ein Schlepper nach Italien. Munir liegt in einem Lastwagen, eingepfercht zwischen Unterboden und Laderaum. Drei Jahre liegen zwischen seiner Abreise aus dem Iran bis zu seiner Ankunft in Deutschland.

Auf Munirs Bett sitzt ein Teddybär. „Den habe ich gekauft, weil er mich an meine Geschwister erinnert.“ Er hat zwei Brüder und eine Schwester. Zwei zerknitterte Passfotos seiner Brüder konnte er nach Deutschland retten. Munir streichelt den Bär, ich muss an meine eigene Schwester denken. „Ich vermisse meine Familie. Das Leben hier ist schwer ohne sie“ sagt Munir. Aber noch schwerer wäre das Leben in seiner Heimat. „Ich kann nicht in meinem Heimatland leben. Dort herrscht Krieg. Die Taliban wollen, dass man mit ihnen kommt und kämpft. Das ist nicht normal. Es gibt kein Leben in Afghanistan.“ Munir setzt den Kuschelbären vorsichtig um. Kein Stofftier kann einen Menschen aufwiegen, aber manchmal kann es Tränen trocknen.

Es gibt etwas, dass ihm fast so wichtig wie die Fotos ist. „English on Trip“, ist ein Persisch-Englisches Wörterbuch. Neben den Vokabeln erklären die Verfasser, welche Sehenswürdigkeiten man in London besuchen soll und wie man eine Tea-Time korrekt durchführt. „Nur damit habe ich es so weit geschafft“, sagt Munir und blättert stolz durch die abgegriffenen Seiten.

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Nach dem Schulabschluss will Munir eine Arbeit finden. Was wäre denn dein Traumberuf? Munir versteht die Frage nicht. „Ich kann lernen“ sagt er. Aber wenn du es dir aussuchen könntest, was würdest du dann machen? Munir lacht. „Ich möchte arbeiten. Einen Job.“ Ich verabschiede mich. Schon auf der Treppe muss ich an den Teddybär denken.

Ich sitze am Schreibtisch. Der Teddybär. Munir braucht eine Wohnung und eine Ausbildungsstelle. Mein Freund verfasst ein Schreiben an unsere Wohnungsgenossenschaft. Eine Kollegin erklärt, die Firma ihres Mannes hätte einen Ausbildungsplatz, Munir könnte sich vorstellen.

Munir sitzt in meinem Wohnzimmer, wir schreiben die Bewerbung. Er erzählt, dass er eine Wohnung gefunden hat, über das Sozialamt. Ich gratuliere ihm. Wir haben Möbel, Munir soll sich melden wenn es soweit ist, dann helfen wir beim Umzug.

Die Bewerbung ist fertig aber Munir will noch nicht, dass ich den Brief abschicke. Er hat einen neuen Job, arbeitet in einer Küche, von spät Abends bis in den Morgen. Er schläft nur drei Stunden, dann geht er zum Sprachkurs. Seine Mutter ist krank, er muss Geld nach Hause schicken. Das Praktikum wäre drei Wochen lang, unbezahlt. Ich versuche Munir zu erklären, dass eine Ausbildung eine bessere Alternative zum Nachtjob wäre. Dort bekommt er nicht einmal den Mindestlohn. Eine Ausbildung, das wäre etwas langfristiges, verstehst du?

Zwei Tage später sagt Munir das Praktikum ab, seine Mutter braucht jetzt das Geld. Die Vokabel „langfristig“ passt nicht in den Wortschatz eines Flüchtlings. Ich schreibe ihm SMS, versuche ihn zu erreichen. Will wissen ob es mit der Wohnung geklappt hat, wann er umziehen kann, ob er Hilfe braucht, wegen der Papiere und im Amt. Munir meldet sich nicht. Ich hoffe, dass es ihm und seiner Familie gut geht. Ich hoffe, dass ich niemals flüchten muss.

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