Ich wünscht ich hätt ein goldenes Wiener Herz

Ich bin schon früh zu einer Hassliebe zu unserem Nachbarland konditioniert worden – einer Liebe die sich – der Name lässt es erahnen – durch eine besondere Emotionalität kennzeichnet. Mein Vater schenkte mir die Platten von E.A.V. Ich konnte alle Songs auswendig und Hits wie Afrika mit der Zeile: „Heute gemma Neger schaun, des wird a Trara“ trug ich stolz während Autofahrten mit meinen Großeltern vor. Die Ironie, die sich mir trotz junger Jahre bereits erschloss, kam bei Oma und Opa weniger gut an. Auch mein Lieblingslied sMuaterl, durfte ich nie ganz zu Ende singen:

„Sie hat nur einmal Glück g’habt in ihr’m Leben,
ein Lotterie-Gewinn und der war steuerfrei.
Der Pfarrer woit ihr gleich die letzte Ölung geben –
und seitdem ist des Kirch’ndachl nei…“

Spätestens jetzt griff meine schwer katholische Oma ein – statt Singverbot stimmte sie „Die Fischerin vom Bodensee“ an – das sexualisierte Treiben auf dem heimischen Gewässer schien ihr weit weniger verfänglich zu sein.

Meine Eltern guckten „Kottan ermittelt“ und ich lachte über den bekloppten Polizeipräsident Pilch – vor allem wenn er am büroeigenen Kaffeeautomat scheiterte. Wir waren in Österreich Skifahren und Wandern und Palatschinken essen. Ich wusste dass man sich nicht anscheißen soll, was anpicken und abfieseln heißt, was Fisolen sind und das es zum Nachtisch einen Ribisl-Kuchen gibt. Alles nur wegen Kottan, der E.A.V. und Christine Nöstlinger.

Erst vor kurzen habe dann endlich einmal einen Ausflug nach Wien gemacht. Zunächst: Wien ist viel kompakter als Berlin. Deshalb (und weil ich einen saumäßig schlechten Orientierungssinn habe) wurde ich von einem älteren Herrn sofort als Urlauber enttarnt. Während ich am Schwedenplatz stand und nach der Rotenturmstraße suchte (Luftlinie ca. 0 Meter) fragte er mich: „How can i help you?“ Lila Sonnenbrille, Wiener Linienkarte und dümmlicher Gesichtsausduck – der Mann hatte immerhin nicht direkt auf „Piefke“ getippt sondern mir – in dubio pro reo – den Ausländerbonus gegeben.

Sobald ich die Rotenturmstraße gefunden hatte ging es wirklich los mit Wien. Klar war: Gruft! Sissi im Sarg und die echten, möglicherweise von der Pest dahingerafften Mumien in den Katakomben von St. Michael.

Monarchisten aus Mähren
Monarchenkult in der Kapuzinergruft

Im Kaffeehaus am Eck trug die asiatsisch-stämmige Bedienung das typisch, rosarote Schürzlein und ein Kopfschiffchen (wie man sie in Deutschland nur noch in ganz feinen Oma-Kaffees findet) und lästerte bei der Herausgabe eines Stücks Torte mit einer alten Dame über die „Schas“ Globalisierung. Es gab Einspänner und Topfenstrudel auf der Thomas Bernhard Gedenkbank zwischen Zeitungsstöcken, einem Walzer spielenden Quartett und Kellnern im Frack. Romantische Telefonhäusl gibt es hier sowohl in Kaffeehäusern und auf der Straße. Mittags trank ich russisches Starkbier am Naschmarkt, wurde in der Sezession angeraunzt, weil mir die Demut vor dem Klimt-Fries abhanden gekommen war und abends aß ich teures Wiener Schnitzel an langen Holztischen. Ich sah Falco in Lebensgröße und einen pinken Trotzpenis auf dem Zentralfriedhof, der so groß ist (also der Friedhof), dass Angehörige einfach mit dem Auto vors Graberl fahren. Und ich trank viele Stamperl Schnaps. Marille und Zwetschge und Vogelbeere. Wer möchte da bitte jemals wieder woanders sein?

Zentralfriedhof
Trotzpenis und Eichel der Karl-Borromäus-Kirche

Einen richtigen Schluss gibt es zu dieser Geschichte wie in einem guten Liebesfilm nicht – dafür das Krüppellied von Qualtinger und Heller, das man auf Youtube nicht teilen darf. Habe die Ehre!

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