Die letzte Samstagabendshow

Prolog: Als in der Grundschule gefragt wurde ob einer von uns die deutsche Nationalhymne vortragen könne, meldete ich mich und sang die einzige Hymne, die ich aus dem Fernsehen kannte. Die Lehrerin unterbrach mich: Was ich mit dödödödödödödödöööööö vertont hatte war gar nicht das Deutschland-Lied, sondern die Eurovision.

 

Nein, mir tut der Niedergang von „Wetten, dass“ nicht leid. Schon als Kind hat mich der zur Sendung bereitgestellte Süßigkeitenteller weit mehr interessiert, als die so langweilig wie langwierigen Talkrunden auf dem Haribo-Sofa. Ja, die Wetten, die waren natürlich was: Der Typ, der die Farbe von Stiften durch Lecken und an der Brille vorbeispinksen erkannt hatte. Whow. Abgesehen davon konnten einzig die Showeinlagen überzeugen: Michael Jackson, David Bowie, Take That, in Nebelschwaden und gleissender Lichtshow, am Ende kriegten alle einen furchtbar hässlichen Blumenstrauß. Seinen wir ehrlich: das ist doch Schnee von gestern, den man irgendwie nur in Anwesenheit von Thomas Gottschalk ertragen konnte. (Ich spare mir an dieser Stelle jeglichen Kommentar zu Markus *börks* Lanz).

Kommen wir also zur letzten wahren großen Samstagabendshow, die nicht nur älter sondern auch beständiger ist als „Wetten, dass“: Dem Liederwettbewerb der Eurovision/ Grand Prix Eurovision de la Chanson/ Eurovision Song Contest, oder wie er seit kurzem schlicht heißt: dem ESC. Handelt es sich hierbei doch um ein unschlagbares europäisches Kuriositätenkabinett, in diesem Jahr doch immerhin mit eineiigen Zwillingen, singenden Xena-Doubles UND einer bärtigen Frau. Neben der überproportionalen Anwendung von Windmaschinen, Polyesterstoffen und Pyroelementen überzeugt an diesem Event vor allem die Tatsache, dass es sich im Kern auf nur eine Sendung pro Jahr reduzieren lässt. Normalerweise handelt es sich bei einem Finale ja um die langweiligste Show einer aufwendig in die Länge produzierten Sendung. Der Start ist um 21:15 Uhr, genug Zeit also um vorher noch ganz gemütlich einen Teller Wurstbolognese zu futtern bis es dann auf vielerlei Sprachen heißt: Hereinspaziert meine Damen und Herren, Hereinspaziert! Sehen Sie, staunen Sie, stimmen Sie ab!

Das, was die Damen und Herren dieses Jahr dann so vorgetragen haben war im großen und ganzen gar nicht mal so übel (abgesehen von der Nummer aus Weißrussland – aber irgendwas ist immer). Und zwischen Musik, Telefonvoting und einem Schwenk aufs Publicviewing (dass es in diesem Hamburg auch immer regnen muss) gibt es in der Sendung auch Zeit für andere Inhalte. Seien sie politisch: Schmähung einzelner Länder, bzw. Präsidenten (Buuuh, Russland) oder ein Exkurs zum Thema Hausarbeit: „Was sie schon immer über das Butterstampfen wissen wollten“ veranschaulicht durch großbrüstige Frauen aus Youpolen.

Als Dreingabe dieses Jahr ein hoffentlich ironisch gemeinter Zwischeneinspieler des traditionell einschläfernden Moderatorenteams – hier durften kleine Kinder eine Darbietung von Lordy ertragen und wir, als Publikum, überraschend unlustige Witze der zuständigen Moderatoren. Als wäre das nicht schon wahnsinnig genug, gibts auch noch den Kommentar von ESC-Übersetzungs-Fossil Peter Urban. Urban, als einziger traurig über das schlechte Abschneiden der Deutschen Nummer (wie hießen die noch gleich?), jammerte während der Punktevergabe und schlug den Zuschauern beim spannendsten Auftritt des Abends unerschrocken vor, die Augen zuzumachen.

Weil es nirgendwo sonst so viel Flitter, Glitter, Wind, Tränen und Europäische Seele gibt (und weil endlich mal die Nummer gewonnen hat, die ich am allerbesten fand) ist und bleibt der ESC für mich die letzte bombastische Abendshow von Format. I heart you. Forever.

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One Comment

  1. Muddi

    Du warst im Geiste mit uns auf der oostburgischen Couch – danke für das Tribut an diese große Show!

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